Die Ribislbar. Oder anders ausgedrückt: mit der Melancholie in die Sackgasse.

1907 wurde der Verein "Gesunder Menschen" gegründet. Ziel war es, ein Leben im Einklang mit der Natur zu vollziehen. Aus der vereinseigenen alkoholfreien Gaststätte wurde später die Ribislbar.

 

Die Ribislbar ist nicht nur eine Gaststätte in den hinteren, grünen Weiten Gratkorns, sondern eine kulinarisch-gesellschaftspolitische Institution, die ihren Ruf und ihr Dasein so selbstverständlich bei uns einzementiert hat, als ob es sich um eines der vielen Weltwunder wie etwa die chinesische Mauer, Stanley Kubricks inszenierte Mondlandung oder den Zeitpunkt, als die Mittelerde vom Zweiten in das Dritte Zeitalter übergeht, handelt.
Nur halt kleiner. Im Mikrokosmos also.


Die Ribislbar vermittelt Gefühle, und steht daher für Ereignisse. Sie ist die uneingeschränkte Leichtigkeit des Seins, wenn sich zwei einander Bewundernde sich heimlich händisch unter dem Tisch ein „Hallo, wie geht’s“ erdrücken, und im gleichen Moment die pubertierenden Klassenkameraden neidisch, aber bestimmt, sich lachend dazu äußern. Es sind die Ecken in der eigentlich gar nicht verwinkelten Gaststube, wo sich Augen sehen und ein holpriger Kuss im scheinbar erreichten Nirwana und natürlich von anderen deshalb gar nicht unbemerkt folgt.


Die Ribislbar steht auch für den nie erklärten Bandenkrieg. Auf der einen Seite die Proleten aus Gratkorn, auf der anderen Seite die nicht weniger proletuiden, aber sich subjektiv als etwas besseres fühlenden Schulmigranten aus Stift Rein. Monza versus Vespa, MC 50 mit rotem Tankdeckel und aufgebohrten Auspuff, im Klang ein Konvolut aus Motorhoad, The Flippers und Toni Vegas – hätte es ihn schon damals gegeben – versus dem soliden Maxi, meist Einsitzer, der den Vorteil hatte, beim ersten Tritt anzuspringen. Keine Frage also, wer dieses Duell der Bezingemische gewonnen hat. Wenn gleich man nicht verleugnen darf, dass die MC wie auch die Monza heute verschwunden erscheinen. Die Maxis aber von den gutsituierten Familienvätern längst aus dem Keller wieder herausgeholt wurden, und im Sinne einer bastelnden Midlifecrisis-Selbsttherapie wieder den Verkehrsstrom der Zeit bevölkern. Man ist wieder On the Road again, das Looking for Freedom längst vergessen, aber trotzdem: Born to be Wild. Gefühlt auf alle Fälle. Ein motorischer Sieg auf zweiter Etappe.


Der erste Kontakt mit einem Gesöff, das sich schludrig, aber wohlölend durch die durstigen Kehlen in unsere Mägen einsäumte, gleich mit der Vorgabe, das wenig vorhandene Taschengeld doch gleich in die Investition von flüssiger Ware darhinzugeben, als Ordentliches zu essen. Wobei ordentlich wirklich ordentlich war. Nämlich Verhackert-, Schmalz- oder in der Luxusvariante – wenn vorhanden – Grammelschmalzbrote seitenblickende und damit unerreichte Köstlichkeiten waren. Gerade dieser Ribslwein erinnerte uns an das Blut, das „gar ein besonderer Saft ist“, ohne jedoch Faust gekannt zu haben – wenngleich wir meinten, das wäre doch ein neuer Legionär beim damals noch könnerisch fußballspielenden GAK. Goethe bedeutete uns damals nichts.

Ein Wort, ein Blick, und manchmal viele Watschen. Jetzt sind wir wieder beim Gefühl, das Ereignisse auslöst. „Wos schaust denn so bled?“ ist ein Satz, den der Steirer gerne verwendet. Kein Wunder, grammatikalisch leicht zu schreiben, orthographisch praktisch simpel, weil keine Satzzeichen vorhanden, vergisst man ja nicht auf das Fragezeichen zum Schluss. „Wos schaust denn so bled?“ war praktisch die phonale Aufforderung, aktiv auf die Tischnachbarstruppe zu reagieren. Das Prinzip von Actio und Reactio, Wechselwirkungsprinzip (auch „Gegenwirkungsprinzip“) oder dritte newtonsche Axiom besagt, dass bei der Wechselwirkung zwischen zwei Körpern jede Aktion (Kraft von Körper A auf B) gleichzeitig eine gleich große Reaktion (Gegenkraft von Körper B auf A) erzeugt, die auf den Verursacher der Aktion zurückwirkt. Oder auch nicht. Da hätte Newton mal in die Ribislbar kommen sollen.


Gerauft wurde draußen vor der Tür. Auch gab man sich nachher die Hand zum ausgestandenen Kampf. Der Ribislwein tat sein Übriges dazu, als lieblicher Streitschlichter.


Wäre damals ein Krieg ausgebrochen, und das Oberkommando hätte seine Soldaten in den Unterkünften der Kaserne gesucht, so wären die Generäle wahrscheinlich auch so verzweifelt, wie Meister Eder seinen unsichtbaren Pumuckl nicht gefunden hat. Sie waren ja im Gelände, erkundeten das Hinterland und sicherten es ob ihrer Präsenz. Die Ribislbar hat Rekruten zwar nicht aus ganz Österreich gesehen, aber zumindest aus der Steiermark. Ob sich nun auch der Einheimische sicherer gefühlt hat, das wird ewig unergründbar bleiben.
Auch weil der Kalte Krieg längst aus ist.


Der Ribislwein, zart und süß, wie einst der Weingott Bacchus seine Bäche im griechischen Paradies fließen ließ, war ein Garant für den Genuss. „Olles, wos der Mensch mehr saufen kann wia a Kaibl, des tuat eam net guat!“ hat ein philosophischer Bergbauer aus Plenzengreith einstens postuliert. Das trifft auch auf den Dultgraben zu. Manchmal war der rote Genuss zu viel, erheiternd war er ja in der Stimmung, vielleicht hat auch die wohlwollende Gesinnung zu manch zarten Banden, die sich später verhärtet haben, geführt, nichts desto trotz war ja noch das Aufstehn und Nachhausegehn.


Keine Watschen war aber so arg, wie die steirische Sauerstoffwatschen. Die ungehemmte Zufuhr von Sauerstoff angereicherter Frischluft führte zu unkontrollierten physiologischen Bedürfnissen des Körpers, die subsummiert einfach auszudrücken sind: man musste speibn. Ob deswegen die Fische im Dultbach verreckt sind, oder die Adresse der Ribislbar „Rebengasse“ heißt, bleibt zu erforschen.

Schickis und Mickis, gutsituierte Mittelstandmanager und Möchtegernstammgäste, Junge und Alte, Schätzer und Kenner, Liebhaber der guten Musik, alle samt sind Verehrer dieses kulinarischen Tempels. Der Ribislbar.
Einer Bude am beinahen Ende der Zivilisation.

Aus: „Die Beatles. Ein Schikurs. Und der Dylan. Pubertäre Skizzen“ von Bernhard Samitsch